| «Wham,
bam, thank you mam» Facts,
15. April 2004
Der legendäre Boxjournalist Bert Randolph Sugar
über die Dominanz der Schwarzen beim Faustkampf, die
wehleidigen Klitschko-Brüder, Rauch-Nazis in New York
und verabscheuungswürdige Frauen-Fights.
Von
Peter
Hossli und Charly
Kurz (Fotos)
Mister
Sugar, Sie haben rund 60 Bücher geschrieben, die meisten
über Boxen. Der berühmteste Einwohner von Chappaqua
sind Sie aber nicht mehr.
Bert Randolph Sugar: Nein,
gleich dort drüben wohnt Bill Clinton. Ich habe ihn gewählt,
damit er nach Washington zieht, nicht in mein Quartier.
Dann sind Sie ein Demokrat?
Sugar: Ich bin ein liberaler
Republikaner, wähle aber meist Demokraten. Ich gab nur
zwei republikanischen Präsidentschaftskandidaten meine
Stimme: Barry Goldwater, weil der Nixon verjagen wollte, und
Gerald Ford, weil der mit meinem Schwiegervater Football spielte.
Wie behandelt Clinton seine Nachbarn?
Sugar: Nächste Woche bin ich bei ihm
zu einer Partie Poker eingeladen. Jetzt schnüffelt der
Secret Service in meinem Leben rum, dabei sehen die mich doch
jeden Tag. Ich bereite mich gut vor, Clinton ist bestimmt
ein guter Pokerspieler. Der beste war allerdings Bobby Kennedy,
mit ihm hatte ich in den sechziger Jahre gepokert.
Sie und Clinton werden beim Pokern Zigarren rauchen. Warum
ziehen Sie pausenlos an einer Cohiba?
Sugar: Daran kann ich mich festhalten, wenn
ich einmal umfalle.
Nachdem Sie Ihren Job als Chefredaktor eines Boxmagazins verloren
hatten, schrieben sie drei Bücher in einer irischen Bar
in Manhattan. Dazu hatten Sie nonstop gepafft. Das ist nicht
mehr möglich. Alle New Yorker Bars sind rauchfrei.
Sugar: Die Rauch-Nazis haben mobil gemacht.
Ich bin dieser politischen Korrektheit überdrüssig.
Für Leute, die trinken, ist Rauchen ja nicht das Schlimmste.
Kommen wir zum Boxen. Die beiden Klitschko-Bürder…
Sugar: … sind es wirklich zwei? Da
wäre ich nicht so sicher. Ich glaube, es gibt nur einen,
ich sehe sie nie zusammen.
Nehmen
wir mal an, Wladimir und Vitali sind wirklich zwei Boxer.
Taugen Sie was?
Sugar: Dem Schwergewichtsboxen ging es noch
nie so schlecht wie jetzt. Dem Sport droht sogar das Aus.
Das Interesse daran ist am Nullpunkt angelangt. Deshalb ist
jegliche Aufregung, selbst die kleinste, mehr als der Sport
verdient.
Dann sind die Klitschkos aufregend?
Sugar: Im Lande der Blinden ist der Einäugige
der Könige. Im Land der inkompetenten Boxer ist der einäugige
Boxer der König.
Können die Klitschkos boxen?
Sugar: Sie sind gross, sie sind stark und
sie können angreifen. Das ist alles. Sie kämpfen
osteuropäisch. Sie können nicht tänzeln, können
sich kaum bewegen. Ihre Verteidigung ist schwach. Sie kennen
ein paar Ticks, aber umfassende Boxer sind sie nicht.
Reicht das, um die Königsklasse, das Schwergewicht, zu
kontrollieren?
Sugar: Es ist noch immer besser, als alle,
die derzeit in den Ring steigen.
Zumindest gelten die Klitschkos als gescheit.
Sugar: Vor ihren Kämpfen verkünden
die Ansager stets, sie hätten Doktortitel. In kommunistischen
Ländern hatte doch jeder irgendeinen Doktortitel. Die
werden dort verschenkt wie bei uns Medaillen für grosse
Verdienste. Gingen sie jemals zur Schule? Ich weiss es nicht.
Ist einer der beiden besser?
Sugar: Einst hiess es, der jüngere,
Wladimir, sei der bessere, bis er von Corrie Saunders abgefertigt
wurde. Jetzt heisst es, der ältere, Vitali, sei besser.
Ich habe gesehen, als Vitali wie ein Baby gegen Chris Byrd
aufgab, nur weil er zwei Runden vor Schluss seine Schulter
verletzt hatte.
Woran mangelte es ihm?
Sugar: An einem grossen Herz. Boxen ist das
Geschäft des Schmerzes. Erst wenn man Schmerzen spürt,
ist man mitten drin. Was ist das bloss für ein Boxer,
der zehn Runden für sich entscheidet, und dann aufgibt,
weil ihn die Schulter schmerzt? Ein solcher Boxer hat zuwenig
Entschlusskraft. Da nützt auch der Doktortitel nichts.
Warum gibt es keine beherzten Kämpfer mehr?
Sugar: Die starken Männer spielen in
den USA vermehrt Football, wo sie mehr Geld kriegen und weniger
trainieren müssen. Es gibt in Amerika nichts mehr, an
dem kein Dollarzeichen baumelt.
Dann lässt sich mit Boxen kein Geld mehr verdienen?
Sugar: Doch, mit Schwergewichtsboxen. Boxkämpfe
werden fast nur noch von Pay-Per-View-Kanälen ausgestrahlt.
Es ist aber niemand bereit, 50 Dollar zu bezahlen, um zwei
Männer kämpfen zu sehen, die bloss 112 Pfund wiegen.
Meine Frau ist wunderschön, schlank, gross und wiegt
145 Pfund. Sie schaut doch keinem Boxer zu, der leichter ist
als sie.
Warum faszinieren uns die Kolosse mehr als die drahtigen,
technisch meist besseren Boxer?
Sugar: Weil bei einem Schwergewichtskampf
eher das passiert, was wir uns alle wünschen: Der Knock-out,
dieser ultimative Augenblick im Sport.
Gibt es jemals einen Kampf Klitschko gegen Klitschko?
Sugar: Sie verneinen das zwar. Wenn sie damit
genügend Geld verdienen, werden sie es tun.
Was für ein Kampf wäre das?
Sugar: Es wäre Missbrauch innerhalb
der Familie.
Ein Sportler hat es dann geschafft, wenn er es in den USA
schafft…
Sugar: … nach Amerika kommt man, weil
hier das Geld liegt. Ein Bankräuber raubt ja auch Banken
aus, weil es dort am meisten Geld gibt.
Haben die Klitschkos denn eine Chance? Generell bekunden ausländische
Sportler Mühe in den USA. So interessiert sich niemand
für Roger Federer aus der Schweiz, obwohl er als weltbester
Tennisspieler gilt.
Sugar: Die Schweizer haben auch den America’s
Cup gewonnen. Wie kann es der America’s Cup sein, wenn
die Schweizer ihn gewinnen können?
Kann ein Ukrainer es in Amerika schaffen?
Sugar: Das Problem mit den Klitschkos ist,
dass niemand weiss, wie man deren Namen ausspricht oder buchstabiert.
Der beginnt mit K.L.I, dann wird es schwierig.
Was braucht es, damit ein ausländischer Sportler es in
Amerika schafft?
Sugar: Siege reichen nicht. Es brauche starke
Persönlichkeiten. Am liebsten schreien wir Amerikaner
aber schon U – S – A! U – S – A! U
– S – A!
Die Klitschkos gelten als grosse weisse Hoffnung. Warum braucht
es das immer wieder?
Sugar: Das reicht zurück in die Tage
von Jack Johnson, der 1908 der erste schwarze Champion war.
Die Weissen erachteten das als grösste Katastrophe seit
dem Feldzug der Mongolen.
Damals waren in Amerika die Rassen noch getrennt. Warum wollen
die Weissen nach wie vor einen Weissen mit dem WM-Gürtel
sehen?
Sugar: Es ist ein Ausdruck eines gesellschaftlichen
Rückschritts. Es sind die weissen Boxfans, die weisse
Boxer sehen wollen. Es sind ja meist Weisse, die sich Sitzplätze
für 500 Dollar leisten können. Die wollen ein Spiegelbild
von sich selber sehen, vor allem in der Kategorie des «stärksten
Mannes der Welt». Es ist rückwärts gerichteter
Überlegenheitswahn.
Gibt es einen Unterschied zwischen schwarzen und weissen Boxern?
Sugar: Es gibt mehr schwarze Boxer weil sie
besser sind. Weisse haben Alternativen im Leben, Schwarze
nicht. Will ein Schwarzer aufsteigen, bleibt ihm meist nur
der Sport. Weisse kriegen Jobs, die Schwarze nicht kriegen.
Gute Boxer findet man nicht im Country Club, sondern im Ghetto.
Was macht einen guten Boxer aus?
Sugar: Hingabe, ein grosses Herz, und die
Fähigkeit, schlagen zu können und Schläge einzustecken.
Für viel Boxer ist es eine Offenbarung, wenn sie herausfinden,
dass auch sie geschlagen werden.
Wie erkennen Sie einen grossen Boxer?
Sugar: Ich schaue auf die Technik und auf
dessen Fähigkeit, dem Gegner seinen Willen aufzudrücken.
Boxen ist so sehr ein psychologischer wie physischer Sport.
Boxen ist Schach mit menschlichen Körpern. Es gibt keine
Formel für Talent. Entweder jemand hat es oder er hat
es nicht. Ich habe Ali einst zu einem Fussballspiel von Pele
mitgenommen. Ali sagte sofort: «Pele ist grossartig.»
Warum? Keine Ahnung. Man kann Grossartigkeit nicht definieren.
Welcher zeitgenössische Athlet ist grossartig?
Sugar: Im Baseball ist es Barry Bonds.
Dem wird vorgeworfen, er nehme Anabolika.
Sugar: Bonds sagte mir, nichts überrage
die Koordination zwischen Auge und der Hand.
Sehen Sie Grossartiges bei einem zeitgenössischen Schwergewichtsboxer?
Sugar: Nein.
Wie steht es mit der Generation davor, etwa mit Lennox Lewis?
Sugar: Mit ihm haben wir Amerikaner uns nie
identifiziert. Wahrscheinlich, weil er Schach spielt und seinen
Tee mit dem ausgestreckten kleinen Finger trinkt. Briten sind
reservierte Typen. Lewis zeigte diese Reserviertheit im Ring.
Wir wollen den Killerinstinkt. Den hatte Lewis nicht. Sein
Englisch war zu präzis und zu britisch. Amerikaner wollen
von einem Boxer ab und zu ein «motherfucker» hören.
So was kam eher von Mike Tyson.
Sugar: Genau. Der hat das getan, was man
von einem Schwergewichtler erwartet: Wham, bam, thank you
mam. Er trat in den Ring, bum, sein Gegner lag auf dem Parkett.
Ein richtig Grosser war Tyson nicht. Warum konnte er sein
Potenzial nicht ausschöpfen?
Sugar: Ich kenne Michael gut. Er kommt in
meinem Buch über die hundert grossartigsten Boxer jedoch
nicht vor, auch nicht in der neuen Auflage. Sein Benehmen
stand ihm im Weg.
Sie meinen die Prügeleien ausserhalb des Rings?
Sugar: Ebenso sein Benehmen innerhalb des
Rings. Ich habe mich geweigert, über den Lewis-Tyson-Fight
von Memphis zu berichten. Was Tyson da tat, war nicht meine
Sportart. Beim Boxen hält man sich an die Regeln.
Tyson hätte ein grossartiger Boxer sein können.
Sugar: Er war ein grossartiger Boxer mit
einem kleinen g. Er hätte ein grossartiger Boxer mit
einem grossen G sein können, wenn er sich diszipliniert
hätte.
Warum gelang ihm das nicht?
Sugar: Die Psychiater hätten Freude
an ihm. In seinem Hirn ticken viele Zellen verkehrt. Er ist
oft sehr nett, zwar nie intelligent, aber smart. Er ist aber
auch manisch, unzähmbar, gewalttätig.
Er selbst sagt, andere hätten ihn kaputt gemacht.
Sugar: Tyson hat sich selbst ruiniert.
Tyson biss Evander Holyfield ein Stück Ohr ab. Was halten
Sie von Holyfield?
Sugar: Holyfield ist ein grosser Krieger.
Er schlägt dich mit 120 Prozent mehr als er hat. Er ist
ein so genannter Stahlhelm-Boxer, einer, der schnörkellos
drauf schlägt. Es gibt nur ein Problem: er will nicht
zurück treten. Das ist eine Tragödie. Holyfield
kämpft, bis er hundert Jahre alt ist.
Auch George Foreman hat angekündigt, er steige wieder
in den Ring.
Sugar: Das wird er bestimmt nicht tun.
Alle Medien prophezeien es.
Sugar: George weiss, auf welcher Seite des
Brotes die Butter ist. Mit seinem Grill hat er hunderte von
Millionen Dollar verdient. Derzeit hängt er sich ans
Telefon und sagt allen, er würde wieder kämpfen.
Dabei zwinkert er. Er bringt derzeit zwei neue Produkte auf
den Markt, Kleider und Fitnessgeräte. Ist er im Gespräch,
ist das Gut fürs Geschäft. Offenbar sind auch Sie
ihm aufgesessen.
Zumindest hat er sich bis auf sein Kampfgewicht runter gehungert.
Sugar: Eben, er preist Fitnessgeräte
an und muss in seinen neuen Hemden gut aussehen.
Muhammad Ali überragt immer noch alle. Ist diese Grösse
ein Problem für den Boxsport?
Sugar: Alis Einfluss reicht weit über
den Sport hinaus. Er hat einen hohen Standard gesetzt. Wer
mit ihm aufwuchs, denkt, er sei der Grösste. Dabei war
das bloss der Name, den er sich selber gab. Die Generation
vor ihm dachte, Joe Louis sei der Grösste, für die
Generation meines Vaters wars Jack Dempsey. Ali wird dann
abgelöst werden, wenn ein neuer guter Boxer kommt. Tyson
wäre das beinahe gelungen. Es ist immer die neue Generation,
die ihre Helden formt. Wer war Ihr erster Sportheld?
Maradona.
Sugar: Ist er es noch immer?
Ja.
Sugar: Er wird es bleiben. Ihre Kinder und
Grosskinder werden aber andere Helden haben. Pele war vielleicht
besser als Maradona, aber Sie sind zu jung für Pele.
Das gleiche trifft für Ali zu. Boxen starb nicht mit
Alis Rücktritt. Eines Tages wird er abgelöst.
Alis Tochter steht im Ring. Was halten Sie von Frauenboxen?
Sugar: Ich verabscheue es. Den besten Kampf
zwischen zwei Frauen ist im Western «Destry Rides Again»
zwischen Marlene Dietrich und Una Merkel zu sehen. Die beiden
ziehen sich da kräftig an den Haaren. Frauen können
nicht kämpfen, wenn man ihnen die Pfannen wegnimmt. Natürlich
haben sie jedes Recht zu boxen. Genauso wie Männer jedes
Recht haben, sich in einem Strip-Club auszuziehen. Allerdings
habe ich jedes Recht, mich keinen Deut darum zu scheren.
Sie gehören zu den grössten Kritikern von Don King.
Warum mögen Sie den wichtigsten Boxpromoter nicht?
Sugar: Don war nie ein grosser Fan von mir
und ich nie ein grosser Fan von ihm. Nachdem ich über
ihn geschrieben hatte, kamen zwei Typen in mein Büro
und verprügelten mich. Dabei ist mir der Hut von der
Stirn gefallen. Das verzeih ich ihm nie.
Was hat er dem Boxsport gegeben?
Sugar: Er hat uns viele grossartige Kämpfe
beschert, aber er schummelt. Er war einst ein schwarzer Promoter,
der den Schwarzen half. Heute glaubt er nur noch an eine Farbe:
an das Grün des Dollar. Er nützt die Leute aus.
Als Promoter macht er ja nichts, was andere nicht auch tun.
Er tut es einfach lauter und unausstehlicher. Hinzu kommt
sein ungeheuer hohes Haar. King sieht aus, als ob er auf dem
elektrischen Stuhl landete, dabei jedoch nur sein Haar getötet
worden war.
Stimmt es, was viele sagen, dass er ein Gauner ist?
Sugar: Er ist ein Gauner mit einem kleinen
g. Boxen hat eine kriminelle Tradition, die hat Don King weiter
geführt. Verurteilt wurde er aber nie. Die Juroren sind
also nicht der Meinung, er sei ein Krimineller. Er lädt
sie ja auch zum Essen ein und fliegt sie zu seinem nächsten
Kampf. King ist kein Gauner, er verhält sich jedoch unethisch.
Geben Sie mir ein Beispiel.
Sugar: Er hatte mal einen Boxer unter Vertrag.
Der wurde im Madison Square Garden verprügelt. Um seine
Gage abzuarbeiten, zwang ihn King, in seiner Villa den Rasen
zu mähen. Das ist nicht kriminell, aber so behandelt
man die Leute nicht.
Warum bleibt King trotzdem dort, wo er seit Jahren steht,
an der Spitze?
Sugar: Er ist ein Magnet für die Presse.
Keiner arbeitet härter als er. Seine Leute sind loyal
und er umgibt sich mit einem Heer von Anwälten.
Demnächst startet Sylvester Stallone eine Box-Reality-Show
auf NBC.
Sugar: Miramax hat mich bereits gebeten,
eine konkurrenzierende Show zu machen.
Was halten Sie davon?
Sugar: Fernsehmacher sind Imitatoren. Hat
eine Reality-Formel erfolgt, folgen gleich drei gleiche. Stallones
Karriere basiert auf den Rocky-Filmen, obwohl niemand auch
nur ein Wort von dem verstanden hat, was er in diesen Filmen
gesagt hat. Seine Show basiert auf derselben Formel: aus einem
Nobody wird ein Somebody. Jeder Sender wollte die Show. NBC
kriegte den Zuschlag, weil sie Stallone die Hälfte der
Werbeeinnahmen abtraten.
Kommt Ihre Show zustande?
Sugar: Was weiss ich. Es ist ja nicht mal
sicher, ob die erste Show ein Hit wird. Wie sollen zwei Shows
funktionieren?
Sie können bestimmt viel Geld damit verdienen.
Sugar: Ich bin zufrieden, wenn ich genug
für Zigarren und ein paar Whiskeys habe. Geld treibt
mich nicht an.
Sie haben fast sechzig Bücher geschrieben und verkriechen
sich jeden Morgen um 6 Uhr in ihrem Keller um zu schreiben.
Was treibt sie an?
Sugar: Der Wunsch, das zu tun, was ich am
liebsten mache. Ich bin einer der wenigen Menschen, die ich
kenne, der genau das macht, was er schon immer tun wollte.
Viele grosse Schriftsteller schreiben über Boxen. Boxen
ist ein Sport der Intellektuellen. Was fasziniert die Gescheiten,
wenn sich zwei kräftige Kerle verprügeln?
Sugar: Zwei Männer agieren im Ring ein
grosses Drama aus. Der Ring ist eine Leinwand, auf der sich
eine verkleinerte Version des Lebens abspielt. Die Männer
sind fast nackt. Alle können alles sehen – Gefühle,
Ängste, Aggressionen, einfach alles. Jeder Boxer ist
auf sich allein gestellt. Wenn der Gong ertönt, muss
er in die Mitte eilen und Schläge einstecken. Niemand
hilft ihm dabei. Boxer umarmen sich nach dem Kampf, weil sie
einander respektieren. Boxer geben alles, und zwar alle, die
guten, die schlechten, und die mittelmässigen.
Was fasziniert Sie besonders?
Sugar: Boxen ist der härteste Beruf
der Welt. Es ist der elementarste Sport. Ich habe zwei Kinder,
eine Tochter und ein Sohn. Als der Bub klein war und wütend
wurde, ballte er die Fäuste. Meine Tochter hingegen weinte.
Boxen ist der grundlegendeste Gefühlsausdruck eines Mannes.
Wir schreiben darüber, weil es uns hilft, Boxen besser
zu verstehen.
Kann man über Boxen schreiben ohne selbst im Ring gestanden
zu sein?
Sugar: Was soll das? Ich habe gekämpft,
sogar mit Muhammad Ali gesparrt.
Waren Sie gut?
Sugar: Schrecklich. Ich war der grosse weisse
Hoffnungslose.
Waren Sie in irgendeiner Sportart gut?
Sugar: Ich bin gut im Schreiben über
Sport.
Wann schreiben Sie ihre Memoiren?
Sugar: Wenn meine Frau tot ist. Ich will
nicht, dass sie nachlesen kann, was ich den ganzen Tag tue.
Sie glaubt nämlich, ich arbeite fürs Geld. Dabei
habe ich ganz einfach einen Heidenspass.
|